Die Diktatur der Zeitreichen

Die Meinungsbildung im Internet ist nicht repräsentativ! Soweit, so gut. Diesen Satz sollte grundsätzlich jeder unterschrieben können, der sich mit Statistik beschäftigt hat. Doch an der Schlussfolgerung scheiden sich die Geister: was heißt das jetzt? Manche sagen, dass die Diskussionen dort nicht so einfach als Volkes Meinung interpretiert werden sollten. Denn die dort geäußerte Meinung sei bloß die der “Zeitreichen”. Nur: haben wir die nicht sonst auch?

Wer weiß hier was? (Bild von Kom-P unter CC-BY-2.0)

Wer weiß hier was von wem? Und warum eigentlich? Demoskopie ist kein Hexenwerk, aber auch nicht immer besenreines Handwerk. (Bild von Kom-P unter CC-BY-2.0)

Einer der Zeitreichtumsdiktatur-Kritiker ist Stephan Eisel, ehemaliger CDU-Bundestagsnachrücker aus Sankt Augustin und bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung Projektleiter für das Thema Internet und Demokratie. Er hält die Unterschiede zwischen wahrgenommener Netzöffentlichkeit und Umfrageergebnissen aus klassischen telefonbasierten Umfragen für verzerrungsbedingt:

Deshalb dominieren als Gestalter und Autoren im Internet diejenigen, die entweder beruflich damit zu tun haben oder die finanzielle oder zeitliche Disposition für die notwendigen Aktivitäten dort haben.

Diese Charakteristika des Internets führen zu einer spezifischen und keineswegs repräsentativen Meinungsbildung im Netz, die ihrerseits jedoch erhebliche Auswirkungen auf die mediale und politische Debatte außerhalb des Internets hat. Im kritischen Umgang damit gibt es noch erheblichen Nachholbedarf.

Überaus erstaunlich: Eisel kritisiert, dass die im Netz veröffentlichte Meinung von Medien aufgegriffen wird. Aber würde irgendjemand behaupten, dass die von klassischen Medien veröffentlichte Meinung irgendwie repräsentativ wäre? Kaum.

Die “Diktatur der Zeitreichen” existiert dennoch, und Stephan Eisel ist ein Teil eben dieser: er wird von einer politischen Stiftung bezahlt, die ihm damit die Zeit verschafft, sich über Politik, Öffentlichkeit, das Internet und Zusammenhänge nachzuenken. Er ist bei weitem nicht der Einzige: genau genommen sind alle Berufspolitiker, ihre Mitarbeiter, Lobbyisten, Journalisten und andere eben solche Zeitreiche. Ihnen wird im Tausch gegen ihr Schaffen die Möglichkeit eingeräumt, Zeit für Politik, Meinung und Zusammenhänge aufzuwenden. Wer sich zudem jemals damit beschäftigt hat, wie viel Zeit ernsthaftes politisches Engagement benötigt (ob in Parteien, Stiftungen, NGOs oder anderen Formen), wird feststellen, dass das, was Eisel als netzspezifisch zu identifizieren glaubt, eigentlich politiktypisch ist. Kaum ein Abgeordneter, der ohne großen Zeitaufwand (Stichworte: Ochsentour, Straßenwahlkampf) in sein Mandat gekommen wäre, kaum ein Minister, der sich nicht jahrelang und das oft auch unentgeltlich für seinen Posten “qualifizieren” musste.

Aber was ist jetzt mit den Umfragen? Sie sind grundsätzlich immer schief, wenn sie nicht demografische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen und herauszurechnenen versuchen. Das unterscheidet sie nicht wesentlich von Telefonumfragen: auch hier will gewichtet und betrachtet werden, wer erreicht wurde. Repräsentativität ist also keine Frage des gewählten Befragungsmediums. Sondern eine des handwerklichen Könnens des Fragers und steht und fällt mit der Frage, ob die Grundgesamtheit der Befragten dafür taugt, annähernde Repräsentativität für die angegebene Gruppe zu erreichen. Das Netz ist grundsätzlich weder mehr noch weniger repräsentativ als die Parteien oder der Medienbetrieb, auch nicht als der Bundestag (denn die geäußerten Meinungen im Laufe einer Legislatur sind nicht Gegenstand des Wahlentscheids).

3 Gedanken zu “Die Diktatur der Zeitreichen

  1. Die Öffentliche Meinung wird durch jene geprägt, die sich öffentlich mitteilen.
    Der demokratische Vorteil des Internets gegenüber der Demoskopie besteht in der Offenheit bzw. Flüssigkeit des Fragedesigns. Meinungsbildung und Fragedesign haben im Internet einem wesentlich schnelleren Kreislauf als der vorherige analoge Kreislauf: Medien, PR, Demoskopie, Öffentlichkeit.

  2. Eisels Einlassung eignet sich nicht für die Diskussion, da sie Meinungsbildung (Prozess) mit Meinungsbild (Ergebnis dieses Prozesses und Gegenstand der Demoskopie) verwechselt. Der Bezug von Medien jedwelcher Art auf netzimmanente Prozesse der Meinungsbildung ist unproblematisch, zumal diese Medien selbst am Prozess der Meinungsbildung mitwirken, indem sie Meinungen, Statements, Analysen blah blah aufeinander beziehbar machen. So, und ob die Medien nun eine am Stammtisch oder in einem Blog geäußerte Meinung einbeziehen, ist mit Blick auf den Beitrag als Beitrag zur Meinungsbildung erstmal völlig wurscht. Aber Herr Eisel hat ja die Zeit, sich dessen bewußt zu werden.

  3. Das Problem besteht nicht in politischer Meinungsbildung im Netz als solche, sondern darin, dass häufig sowohl der Prozess der Meinungsbildung im Internet (z.B. “Schwarmintelligenz”) als auch deren Ergebnis als repräsentativ für die Meinung der Bevölkerung angesehen wird. Das blendet vor allem aus, dass sich im Internet generell und in den dortigen politischen Foren im Besonderen keineswegs eine repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung tummelt. Nach neuen Untersuchungen sind 62 Prozent der Bürger nicht versiert im Umgang mit digitalen Medien. Ca. 25 Prozent der Bürger über 14 Jahre haben überhaupt keinen Internetzugang und können deshalb nicht teil­nehmen. Privilegiert sind vor allem diejenigen, die am Arbeitsplatz einen Netzzugang haben und in ihrem Zeitbudget solchen Aktivitäten Priorität einräumen können und wollen.
    Solche “Zeitreiche” sind natürlich nicht nur im Netz unterwegs, sondern auch außerhalb anzutreffen. Allerdings erheben sie gerade im Netz den Anspruch, für alle zu sprechen und neue, “repräsentative” bzw. “wahrhaft demokratische” Politikformen (z. B. “liquid democracy”) anbieten zu können. In der Überheblichkeit solcher digitaler Wahrheitsansprüche liegt die Gefahr. Mehr dazu hier: http://internetunddemokratie.wordpress.com/

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