Kann man im Netz sinnvoll über Politik debattieren?

In Online-Foren regiert der Mob, denn unter dem Mantel der Anonymität kann jeder hemmungslos seine Ressentiments von der Leine lassen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. In klassischen Medien dagegen sorgen ausgebildete Journalisten für qualitativ hochwertige und politisch relevante Information und Diskussion. Diese These lässt sich relativ leicht mit Fallbeispielen belegen.

Es sind nicht zuletzt Journalisten traditioneller Medien, die dieses Problem umtreibt, denn es ist ein gutes Argument um die Existenzberechtigung des klassischen professionellen Journalismus’ in der Online-Welt zu untermauern und damit auch alle daran anknüpfbaren Forderungen nach Leistungsschutzrecht etc. Dieser Wahrnehmung möchte ich aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht drei Argumente entgegenstellen:

  1. Für die Wissenschaft ist die Frage nach der Diskursqualität durchaus interessant, aber nicht so einfach und eindeutig zu beantworten, wie es einzelne Fallbeispiele suggerieren. Denn es lassen sich viele verschiedene Aspekte politischer Diskurse in den Blick nehmen: Man kann etwa die in traditionellen und Online-Medien verhandelten Themen vergleichen (Fachbegriff „Agenda Setting“), oder auch die Art und Weise ihrer Darstellung (z.B. unter dem Aspekt des „Framings“); man kann die Einhaltung normativer Diskursregeln untersuchen, die verwendete Sprache oder auch „Schweigespirale“-Effekte und man muss schließlich auch verschieden Angebotsformen unterscheiden. Die Forschung dazu (einen knappen Überblick gibt es hier: Emmer, Martin/Wolling, Jens (2010): Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. In: Beck, Klaus/Schweiger, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag, 37-59) sagt mehr oder weniger: Es gibt gewisse, im Detail durchaus interessante und auch relevante Unterschiede, insgesamt unterscheiden sich Online-Debatten – bis jetzt! – aus verschiedenen Gründen aber überraschend wenig von denen, die in den klassischen Massenmedien geführt werden.
  2. Genau dieser Vergleich – Online-Medien/-Foren vs. traditionelle Massenmedien – hinkt jedoch und führt vor allem in der Praxis auf den Holzweg: Das Internet, man kann es nicht oft genug wiederholen, ist eben kein viertes Massenmedium, das einfach neben Zeitung, Radio und Fernsehen tritt. Es ist ein „Hybridmedium“, in dem öffentliche massenmediale und private interpersonale Kommunikation ineinander fließen und nicht mehr klar zu trennen sind. Ein Vergleich mit dem Internet sollte, wenn man ihn denn anstellen will, nicht nur den klassischen Journalismus, sondern auch all jene Orte einbeziehen, an denen Menschen schon immer in kleinen privaten Zirkeln über gesellschaftliche Themen sprechen: vom bürgerlichen Salon über den familiären Frühstückstisch bis hin zum berüchtigten Stammtisch, an dem die Volksseele kocht. Dann wird schnell klar, dass in Debatten „im Internet“ wahrscheinlich keine Gemeinheit ausgesprochen wird, die es nicht auch in irgendeiner normalen Kneipe zu hören gäbe. Mit einem Unterschied: Unter Internet-Bedingungen findet das alles mehr oder weniger öffentlich statt.
  3. Weil hinter der Frage nach der Diskursqualität meist die unausgesprochene Frage steht, ob nicht vor/ohne dem Internet die politisch-mediale Welt eine bessere (gewesen) wäre, muss man drittens festhalten: Weder lässt sich die Zeit um ein paar Jahrzehnte zurückdrehen (ob es damals wirklich so schön war, darüber ließe sich sowieso streiten), auch lässt sich das Internet nicht abschalten oder verbieten (auch wenn Musik- und Filmindustrie das gerade versuchen). Und das heißt letztendlich: Es ist gerade für Medienmacher sinnlos und reine Zeitverschwendung, sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen (außer, man will es im Rahmen des Lobbyings, siehe oben, als politische Munition einsetzen).

Wir sollten die neuen Realitäten besser akzeptieren und uns dringend Gedanken darüber machen, wie man diese digitale Online-Welt zum Nutzen von Bürgern, Unternehmen und Gesellschaft gestalten kann. Vielleicht ließen sich ja ein paar innovative, qualitativ hochwertige Diskussionsräume im Netz schaffen. Unter den Akteuren der „alten“ Medienwelt dominieren aber auch nach mehr als 15 Jahren zu häufig noch Strategien des Bremsens und Verhinderns, der uninspirierten Paywalls und der Bedrohung der eigenen Rezipienten, die ganz offensichtlich nicht nur zwecklos sind, sondern mehr und mehr auch die Existenz eben dieser Akteure bedrohen.

Über diese Fremde Feder: Martin J. Emmer ist Professor an der Arbeitsstelle Mediennutzung am Institut für Publizistik der Freien Universität Berlin

Ein Gedanke zu “Kann man im Netz sinnvoll über Politik debattieren?

  1. Stimme dir da in vielen Punkten zu und finde es sehr schade, dass es keine / kaum Möglichkeiten für gute Diskussionen zum Thema Politik (und auch Wirtschaft) gibt.

    Würde mir wesentlich mehr Debatten wünschen. Der Deckmantel Anonymität kann dabei hilfreich sein und solange es um Inhalte geht wäre er mir egal.

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