Man kennt sich, schätzt sich

Journalisten, Lobbyisten, Politiker und andere Akteure hocken auf wenigen Quadratkilometern Berlin aufeinander. Das muss nicht schlimm sein – wenn die Regeln klar sind und Leser, Hörer, Zuschauer und Bürger wissen, wie diese Welt aussieht.

Café Einstein, Unter den Linden (CC BY Flickruser MTClark)

Café Einstein, Unter den Linden - Heimstatt des Kaffeeklatsches im politmedialen Berlin (CC BY Flickruser MTClark)

Vorbei sind die Zeiten des Bonner Raumschiffs, als zwischen den Diplomatenrennbahnanwesen wie dem langen Eugen, Adenauers Teestunden im Palais Schaumburg, auf der Hardthöhe und in der Godesberger Redoute alles stattfand, was man Bundespolitik nennen konnte. Berlin tickt etwas anders, es ist nicht nur größer, es ist auch weniger betulich. Obwohl auch hier eigentlich alles auf einem engen Raum stattfindet: Ministerien, Bundestag, Kanzleramt – fast alle relevanten finden sich auf zwischen Werderschem Markt und der Invalidenstraße, das derzeit noch etwas außerhalb in Moabit liegende Innenministerium soll Ende 2014 – nach einem Neubau – auch in dieses Planquadrat ziehen. Dazwischen liegen nur wenige Restaurationen, Cafés und ein paar Botschaften – sowie natürlich die Adressen all jener Medien, die mit einem Hauptstadtbüro fußläufig zu den Institutionen gelangen wollen.

Wer sich in einer Sitzungswoche in den hinteren Teil des Café Einstein, Unter den Linden, setzt, wird schnell feststellen, wie nah sich Politik, Lobbyisten und Journalisten sind. Dort ist es fast unmöglich, nicht zu sehen und zu hören, wer mit wem worüber spricht. Und man kennt sich, es sind – Abgeordnete, Mitarbeiter, Ministeriale, Journalisten und Lobbyisten zusammengerechnet – nur wenige Tausend Personen in der Millionenmetropole, die sich tatsächlich mit Politik beschäftigen. Und auch das klingt noch nach mehr, als es dann wirklich sind: in jedem Themengebiet sind es höchstens ein paar Hundert. Und wenn die sich regelmäßig über den Weg laufen, sind Positionen und Netzwerke so offensichtlich wie bekannt.

Sind das politische und das mediale Berlin also ein inzüchtiger Klüngelklub? Man könnte sagen: klar. Wie der Journalist Richard Gutjahr in diesen Tagen mit den Augen eines Münchner Beobachters meinte: der Journalist ist von der Politik und diese von den Medien abhängig. Wer dabei am längeren Hebel sitzt, ist unter Umständen fraglich (die Antwort lautet, wie so oft: es kommt darauf an). Klar ist jedoch: Politik lebt von Aufmerksamkeit durch die Bürger und vom Durchsetzen ihrer widerstreitenden Interessen, Medien von guten Geschichten, Exklusivität und damit verbundener Aufmerksamkeit durch den Bürger. Das klingt vielleicht grauslig, ist aber genau richtig so: der Journalist muss sich gegenüber seinen Lesern und Zuschauern, vielleicht auch gegenüber seinen Chefs rechtfertigen – der Politiker sich gegenüber seinen Bürgern, seiner Partei, seiner Fraktion und den Medien.

Soweit, so unproblematisch. Interessant wird es an einem anderen Punkt: bei der Frage, wer auch außerhalb dieser beruflichen Welt miteinander verknüpft ist. Denn es ist zutiefst menschlich, dass Leute, die viel miteinander zu tun haben, auch Antipathien und Sympathien füreinander entwickeln. So gibt es crosspolitmediale Ehen und Beziehungen gleichermaßen wie Freundschaften aus vorkarrieristischer Zeit, innerpolitische sowieso und wer mit wem wann was hatte, wer mit wem kann, ist ebenso Gegenstand des Hauptstadttratsches wie die neuesten Gesetzvorhaben. Das zwischenmenschliche Geflecht verläuft quer durch Medien, Lobbyismus, Parteien, Fraktionen, Ministerien, Wissenschaft und Weltgeschehen. Es ist das Bonusnetzwerk. Und wer dieses nicht hat oder sich aufbaut, steht im politischen Betrieb (egal ob Bonn, Berlin, Brüssel oder Washington) früher oder später auf verlorenem Posten. Wer keine Freunde hat, hat an Politik und Medien auch keine dauerhafte Freude, so wie es in wohl jedem Beruf ist.

Kritisch wird es dann, wenn diese Freundschaften die eigene Professionalität zu beeinträchtigen drohen: muss, kann, soll ich gegebenenfalls einen Freund in die Pfanne hauen? Als Journalist habe ich dabei keine Wahl: ja, ich muss. Und wenn  es ein anderer Journalist ist? Dann erst recht. Es gibt die Geschichte von Mr. Tagesthemen Ulrich Wickert, der in einer Sendung mit einem Interview die Karriere eines alten Studienfreundes aus Bonner Tagen beendete – der war Staatssekretär. Einer der politisch interessantesten Termine meines bisherigen Lebens mit der Bundesblase war übrigens das Streichen eines Gartenzauns.

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