Das präsidiale Sprachwunder

Die Schönheit einer Sprache lässt sich an ihrer deskriptiven Verwendung betrachten. Und da die deutsche Sprache die schönste ist, der die Deutschen im Allgemeinen mächtig sind, ist auch ein wundersames Vorkommnis wie die Zurücktretung eines Bundespräsidenten voller sprachlicher Schmankerl. Eine willkürliche Sprachreise.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: der Bundespräsident ist ein Staatsoberhaupt. Dass die wortwörtliche Übersetzung ins Englische einen „Stateoverhead“ erzeugen würde, ist sicherlich nur ein Zufall und sagt nichts zur Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit eines Staatsoberhauptes aus. Fokussieren wir uns der Bequemlichkeit halber also auf die Unsinnigkeit des deutschen Wortes: Ein Oberhaupt, was soll dies eigentlich sein? Oberhäupter sind eine historische Erfindung. Es ist ein Superlativ, der von dem Problem der Beletage berichtet: dem Haupt wird zwecks Hervorhebung ein Ober übergestülpt, aber braucht es sprachlich dieses Staatsüberhaupt?

Betrachten wir alsdann den Dezenten Versuch deutscher Präsidialzurückhaltung. In Zeiten der Bonner Republik residierte Bundeskanzler Adenauer noch im „Palais Schaumburg“, und ein Palais, das weiß doch jedes Kind, ist ein Palast. Kanzlerpalast, klänge das nicht unfreiwillig komisch? Wenn aber der französische Präsident in seinem Präsidentenpalast haust, dem Palais de l’Elysée, wirkt das auf uns merkwürdig normalpompös. Das deutsche Staatsoberhaupt hingegen, es residierte in den späten Bonner Tagen in einem Haus. Denn viel mehr als Haus bedeutet „Villa Hammerschmidt“ nun auch nicht. Der „Palast der Republik“ wurde auch als „Palazzo Prozzo“ verspottet, an seine Stelle soll nun das Stadtschloss wiederkehren. Deutschland, das Land der Bürger und Schlösser? Der Bundespräsident hat sein romantisches Stadtschloss bereits: Schloss Bellevue, Schloss Schönblick, ganz bundesrepublikanisch-devot auf den Berliner Stadtplänen als Parzelle im „Spreeweg 1“ vermerkt – und übrigens im Westen der geteilten Stadt gelegen. Nur Spötter weisen darauf hin, dass Schönblick in Wahrheit einfach mitten im Nichts Berlins liegt, die nächsten vielgenutzten Räumlichkeiten sind die der Justizvollzugsanstalt Moabit. Dort werden temporär Gefangene gemacht: es ist eine U-Haft-Anstalt mit Kellerdurchgang zum gegenüberliegenden Gericht. Immerhin: diese Realitätsnähe hat der französische Präsident nicht zu bieten. Schöne Aussichten, auch für den neuen Palastbewohner.

Zurück zur Sprachfreude. Ein Präsident muss präsidieren. Aber worüber präsidiert ein Bundespräsident? Ihm steht ein Amt zur Seite, ein Bundespräsidialamt. Aber ein desolates Häuflein hauptlos umherirrender Mitarbeiter, ist das präsidial? Kann man ein solches Amt beschädigen? Amtsbeschädigung, das klingt nicht nur wie ein politischer Verkehrsunfall, es ist auch ein Hilflosigkeitskonstrukt.

Das „Laut werden von Rücktrittsforderungen“ stand in den vergangenen Wochen hoch im Kurs der schreibenden Zunft. Wie eine Forderung laut wird? Gar nicht. Die Wulff-Wochen präsentierten uns ein ganzes Füllhorn freudig vorgetragener Sprachwendungen. Da wurde der Konjunktiv bemüht, bis die Schwarte krachte. Da wurde gekürzt, gewürzt, gesülzt und gewurschtelt. Nur eines blieb auf der Strecke: die Klarheit. Wer sich die Anfang Februar erschienenen Artikel zu Wulff anschaut, wird alles Mögliche und Unmögliche erfahren. Nur nicht, was am Ende dem damaligen „Amtsinhaber“ vorgeworfen wurde und was davon wahr oder unwahr ist. Statt sich auf den Kern der Aufklärung zu besinnen, endete die Berichterstattung in einer Melange aus Demissionsforderungen, Selbstreflexion, Kritikkritik, Juristen-Geschwurbel und Komplottkonstruktion gröbsten sprachlichen Schwachfugs. Da wird der 91-jährige Marcel Reich-Ranicki als Präsidialexperte vom Focus befragt:


„Wulff hat offenbar zu hohe finanzielle Ansprüche“, meinte Reich-Ranicki im Gespräch mit dem “Focus”. Dadurch könne der Bundespräsident als Politiker nicht unabhängig sein. „Wulff muss unbedingt zurücktreten“, so der Literaturpapst weiter.

Den „Literaturpapst“ zum waidwunden Präsidenten zu befragen, ist sicherlich klarheitsfördernd. Denn wer, außer einem Papst, könnte ihm, dem weltlichen Staatshaupt, Absolution erteilen? Was an Experten und meinungsstarken Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens medienvermittelt zu Wort kommen durfte, war eine Galerie der Laberbacken, die die Republik aufzubieten hat. Das Sturmgeschwätz der Demokratie, eine großkotzige Koalition aus Vera Lengsfeld („Das chancenlose Busenwunder von Kreuzberg“), die einst selbst dahingemeuchelte schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis und so weiter. Selbst eine ganze Riege ehemaliger wie aktueller Richter und Rechtswissenschaftler, die gewiss das Richtige zu Richten wissen, wollten sich in diesem Fall keine Meinungsschwäche erlauben. Ein Richtfest Marke Schlachtfest. Was soll bei solcher Gemengelage des Mitteilungsdranges auch anderes herauskommen, als verwürzt-verkürzt gesagt, sperriger Sprachsalat?

Der Präsident war ab Mitte Dezember eine flügellahme Präsidente, doch die Jäger der verlorenen Moralinstanz folgten dem Herdentrieb, bis Wulff kapitulierte. Sehen wir es also gelassen: die vielen kleinen Häuptlinge der Republik servierten ihren Ober ab. Die Rechnung bitte! Würde man jetzt normalerweise sagen. Doch in der „Causa Christian“ hätte schon dieser kleine Satz zu viel Beigeschmacksverirrung.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>