Von der Schwierigkeit, kein fliegender Lobbyist zu sein

Ich bin in diesen Tagen häufiger auf dem Weg von Berlin nach Brüssel und andersherum. Als Mensch, der sich beruflich wie privat sehr für Politik interessiert, ist das eine Standardstrecke. Solange man nur am Flughafen ist, ist noch alles in Ordnung. Aber wehe, man ist für eine dieser Frühmaschinen am Gate!

Brussels Airlines Avro RJ85, CC-BY-2.0, von daspaddy

Brussels Airlines Avro RJ85, CC-BY-2.0, von daspaddy

 

Dann stehen sie um einen herum, die Menschen, denen man mit etwas Übung schon ansieht, welcher Art von Reisenden sie angehören. Denen, die rosa, gelbe, grüne oder graue Umlaufmappen zwischen Check-In und Boarding durchblättern, denen sehen selbst die Ungeübten an, dass sie Vertreter deutscher Ministerien und Behörden sind. Da stehen lustige Namenskolonnen außen drauf, der Großteil bereits durchgestrichen. Papier vergisst so wenig wie das Netz. Oft genug bleiben Teile oder gar ganze Mappen auch einfach im Flieger oder am Gate.

Und dann wird Brussels Airline, Lufthansa oder EasyJet nach Brüssel aufgerufen. Die ersten beiden lassen das Los entscheiden, ob man neben dem Restalkohol ausdünstenden DJ sitzt, der auf flämischem Macdesktop mit psychedelischem Hintergrund Ordner durch die Gegend schubst und mindestens so große Kopfhörer wie das Bodenpersonal trägt. Oder eben doch neben einem der berufsbedingten Reinflieger ins Hirn Europas. Wo das Herz ist, bleibt vorerst unerforscht.

Man ist müde. Kaffee wäre schön. Oder auch noch eine Mütze Schlaf. Berufsflieger sind betont lässige Menschen. Rappelkisten aus der Avro-Familie machen ihnen nichts aus. Sie nehmen Platz und dann sind sie im fliegenden Büro. Geht es ab Tegel, würdigen sie die Stadt unter ihnen – bei Start nach Osten dreht man quer über die Stadt, über Funkturm und Spree hinweg nach Westen – keines Blickes. Stattdessen: Hinsetzen, Aktenstudium. Wer jemals Einblicke in die Amtsgeschäfte deutscher Ministerien und Behörden, aber auch Wissenschaftler, Verbände oder Unternehmen haben wollte: 06:40 ab Tegel, 07:00 ab Schönefeld. Und dann den Sitznachbarn in die Unterlagen oder auf den Rechner schielen. Wer das gar nicht möchte, aber ein neugieriger Mensch ist, der macht das einfach trotzdem. Und damit beginnt das Problem.

Denn wenn Bundeswehrgenerale am Flughafen Tegel auf ihren Macbooks frische Afghanistanvideos gucken und diskutieren, kann man sich vielleicht noch halbtot stellen. Aber wenn jemand eine Stunde lang im Flieger neben einem sitzt, der die ganze Zeit genau an den Dokumenten arbeitet, die einen wirklich interessieren, ist das etwas anders. Und schwuppsdiwupps rutscht einem dann doch mal die blöde Frage raus: “Und was führt dazu, dass Sie schon so früh in Brüssel sein müssen?” Klar, eine menschliche Nachfrage.

Und dann hofft man auf die Begeisterung oder Abscheu des Nachbarn für sein Metier. Und lässt ihn oder sie reden. Stellt hin und wieder eine Verständnisfrage. Wenn man ein Thema kennt, stellt man die Fragen, die man sonst auch stellen würde. Nur etwas allgemeinsprachlicher. Und wenn man Glück hat, bekommt man sogar eine Antwort – vielleicht sogar eine ehrliche, wie: “Daran hat wahrscheinlich noch niemand gedacht” (so schon passiert). Und schon hat man mehr oder weniger zufällig ins politische Geschehen eingegriffen. Wenn der Sitznachbar nicht auf dem Weg vom Flieger zum Meeting, zur Arbeit, zur Konferenz einer Spontanamnesie anheimfällt. Und hofft, dass man diese nicht selbst erleidet. Nur eines sollte man tunlichst vermeiden: Informationen vom Sitznachbarn direkt weiterzuverarbeiten. Denn der fliegt sicher nochmal mit einem.

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