Plopp-Punkte in Flensburg

Welche Punkte habe ich und wenn ja wie viele? Fragte ich mich neulich erst auf dem Fahrrad, dann in der Tram und schließlich auf einer Autobahn, umbraust von Wochenendpendlern in steuerfinanzierten bzw. abgesetzten Oberklasse-Modellen. Die Antwort war immer das gleiche Schulterzucken mit dazugehörigem Luft über die Unterlippe ploppen lassen.

Der Bundesverkehrsminister hat neulich angekündigt, die Strafpunkte im schönen Flensburg anders regeln zu wollen. Den Plänen entsprechend soll dann schon ab acht Punkten für Bleifüße der Gau eintreten: Fleppen weg, zurück auf Los und mit den immer weniger werdenden 18-Jährigen wieder die Fahrschulbank drücken.

Den angehenden Jung-Fahrern sind nach Studien Smartphone und sonst welche Wischrechner inzwischen näher als ein Lenkrand und die Schaltung. Darum sparen sie ihr Geld auch nicht, um es später erst an der Tankstelle in fossile Brennstoffe anzulegen und später durch den Auspuff zu jagen, sondern um sich mit Hilfe der in Asien endgefertigten Elektronik auf der ganzen Welt herumtreiben zu können. Mit dieser zeitgemäßen Änderung im Mobilitäts-Fokus umschiffen sie dann so ganz nebenbei die Gefahr, Flensburg anders kennenzulernen als über den Plopp der Flasche.

Die Diktatur der Zeitreichen

Die Meinungsbildung im Internet ist nicht repräsentativ! Soweit, so gut. Diesen Satz sollte grundsätzlich jeder unterschrieben können, der sich mit Statistik beschäftigt hat. Doch an der Schlussfolgerung scheiden sich die Geister: was heißt das jetzt? Manche sagen, dass die Diskussionen dort nicht so einfach als Volkes Meinung interpretiert werden sollten. Denn die dort geäußerte Meinung sei bloß die der “Zeitreichen”. Nur: haben wir die nicht sonst auch?

Wer weiß hier was? (Bild von Kom-P unter CC-BY-2.0)

Wer weiß hier was von wem? Und warum eigentlich? Demoskopie ist kein Hexenwerk, aber auch nicht immer besenreines Handwerk. (Bild von Kom-P unter CC-BY-2.0)

Einer der Zeitreichtumsdiktatur-Kritiker ist Stephan Eisel, ehemaliger CDU-Bundestagsnachrücker aus Sankt Augustin und bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung Projektleiter für das Thema Internet und Demokratie. Er hält die Unterschiede zwischen wahrgenommener Netzöffentlichkeit und Umfrageergebnissen aus klassischen telefonbasierten Umfragen für verzerrungsbedingt:

Deshalb dominieren als Gestalter und Autoren im Internet diejenigen, die entweder beruflich damit zu tun haben oder die finanzielle oder zeitliche Disposition für die notwendigen Aktivitäten dort haben.

Diese Charakteristika des Internets führen zu einer spezifischen und keineswegs repräsentativen Meinungsbildung im Netz, die ihrerseits jedoch erhebliche Auswirkungen auf die mediale und politische Debatte außerhalb des Internets hat. Im kritischen Umgang damit gibt es noch erheblichen Nachholbedarf.

Überaus erstaunlich: Eisel kritisiert, dass die im Netz veröffentlichte Meinung von Medien aufgegriffen wird. Aber würde irgendjemand behaupten, dass die von klassischen Medien veröffentlichte Meinung irgendwie repräsentativ wäre? Kaum.

Die “Diktatur der Zeitreichen” existiert dennoch, und Stephan Eisel ist ein Teil eben dieser: er wird von einer politischen Stiftung bezahlt, die ihm damit die Zeit verschafft, sich über Politik, Öffentlichkeit, das Internet und Zusammenhänge nachzuenken. Er ist bei weitem nicht der Einzige: genau genommen sind alle Berufspolitiker, ihre Mitarbeiter, Lobbyisten, Journalisten und andere eben solche Zeitreiche. Ihnen wird im Tausch gegen ihr Schaffen die Möglichkeit eingeräumt, Zeit für Politik, Meinung und Zusammenhänge aufzuwenden. Wer sich zudem jemals damit beschäftigt hat, wie viel Zeit ernsthaftes politisches Engagement benötigt (ob in Parteien, Stiftungen, NGOs oder anderen Formen), wird feststellen, dass das, was Eisel als netzspezifisch zu identifizieren glaubt, eigentlich politiktypisch ist. Kaum ein Abgeordneter, der ohne großen Zeitaufwand (Stichworte: Ochsentour, Straßenwahlkampf) in sein Mandat gekommen wäre, kaum ein Minister, der sich nicht jahrelang und das oft auch unentgeltlich für seinen Posten “qualifizieren” musste.

Aber was ist jetzt mit den Umfragen? Sie sind grundsätzlich immer schief, wenn sie nicht demografische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen und herauszurechnenen versuchen. Das unterscheidet sie nicht wesentlich von Telefonumfragen: auch hier will gewichtet und betrachtet werden, wer erreicht wurde. Repräsentativität ist also keine Frage des gewählten Befragungsmediums. Sondern eine des handwerklichen Könnens des Fragers und steht und fällt mit der Frage, ob die Grundgesamtheit der Befragten dafür taugt, annähernde Repräsentativität für die angegebene Gruppe zu erreichen. Das Netz ist grundsätzlich weder mehr noch weniger repräsentativ als die Parteien oder der Medienbetrieb, auch nicht als der Bundestag (denn die geäußerten Meinungen im Laufe einer Legislatur sind nicht Gegenstand des Wahlentscheids).